Der Urgroßenkel des letzten Hetmans der Ukraine Kyrilo Razumovsky lebt in Wien. Der Korrespondent von Ukrainian Time hat sich mit ihm über seine Arbeit und seine Beziehung zu der Ukraine unterhalten.

Von seinem Beruf ist Herr Razumovsky Historiker. Längere Zeit hat er in der Abteilung der Europäischen Kommission gearbeitet, die sich mit EU-Erweiterung beschäftigt. Danach hat er eine Beratungsagentur gegründet. Die Ukraine hat er 1991 zum ersten Mal besucht, und seit damals kommt er regelmäßig nach Kyjiw und Baturyn, denn die Ukraine nennt er seine Heimat.

- Herr Razumovsky, in Ihrem letzten Fernsehinterview haben Sie sich als politischer Berater vorgestellt. Was heißt es?

- Ja, das stimmt. Doch heißt das nicht, dass ich Politiker berate – jedenfalls nicht nur. Es geht eigentlich um zwei Dinge: Erstens, welche politischen Änderungen stehen bevor und zweitens - sind sie nützlich oder hinderlich. Also Analyse und Prognose und vielleicht auch Lösungsvorschläge. Ein bisschen wie bei einem Arzt, der erst eine Diagnose feststellt und dann Therapievorschläge erstellt. Auch bei meiner Arbeit knüpfen sich dann viele weitere Fragen daran. Oft geht es um Mittel zur Erkennung von Krisen, oft kommt danach schon die Frage, wie man die Krise vermeidet aber leider auch nur allzu oft die der Bewältigung einer Krise. Bei der Krisenarbeit geht es dann allerdings fast immer nur um das Thema „Darstellung“, also geht man mit dem Problem um. Wie kommuniziert man es den Shareholdern und wie den Stakeholdern und wie der Außenwelt. Das bedeutet oft, sehr komplizierte Sachverhalte so zu erklären, ohne die Dinge zu vereinfachen, dass es jeder versteht. Manchmal bedeutet das auch Unwahrheiten zu identifizieren und gegenzusteuern. Gegen Desinformation hilft nur klare, nüchterne Erklärung. Auf die Dauer will niemand belogen werden.

- Sie unterstützen viele ukrainische Veranstaltungen in Wien. Warum machen Sie das?

- In erster Linie, weil es mir einfach große Freude macht. Das klingt jetzt sicher etwas seltsam, aber ich habe das Gefühl, der Ukraine etwas zu schulden. Dieses Land hat meine Familie groß gemacht und natürlich ist die kollektive Identität der Familie ukrainisch. Zumindest bei jenen, die sich als Ukrainer und nicht als Russen verstehen; leider gab und gibt es diese zweite Tendenz immer wieder.

Gleichzeitig gibt es in der Ukraine so viele wertvolle Künstler und Menschen. Wie sollte man da nicht helfen wollen?

- Wie unterstützen Sie die Ukraine sonst?

- Ich unterstütze im tagtäglichen die Ukraine in einer sehr einfachen Weise, und zwar indem ich den Menschen in meinem erweiterten Umfeld, aber auch bei öffentlichen Diskussionen über das Land erzähle. Es gibt vieles, was Menschen im Westen immer noch nicht wissen. Ich wundere mich nicht mehr, doch es kommen so Fragen wie „Ukrainisch ist doch ein russischer Dialekt, oder nicht?“ oder „Präsident Putin hat doch gesagt, dass Ukrainer und Russen eine Nation sind, wieso regen die sich dann alle so auf wegen dem Donbas?“ Da heißt es dann, tief Luft holen und bis zwanzig zählen. Doch die Menschen im Westen können nichts dafür; sie werden seit vielen Jahren von der Moskauer Seite sehr effizient mit Propaganda bombardiert.

- Im ehemaligen Razumovsky-Palast in Baturyn befindet sich momentan ein Museum. Wie kooperieren Sie mit dem Museum?

- Das Museum wird von einer sehr fähigen, extrem engagierten Direktorin geleitet, Nataliya Borisyvna Rebrova. Ich freue mich immer, wieder dorthin fahren zu können, weil es immer Neues zu sehen gibt.

- Vor kurzem haben Sie dem Baturyn Museum Familienwaffe geschenkt. Welche?

- Die Waffe, die ich dem Museum geschenkt habe, ist ein „Palash“, mit einer sehr schönen Karbonstahlklinge. Er kommt aus dem Besitz von Hetman Kyrilo. Ich habe auch dem Museum ein Univerzal von Kyrilo und einen Ukaz der Zarin Elisabeth gebracht. Ich fand bei beidem, dass es in der Ukraine sein sollte.

- Möchten Sie das Gebäude in das Eigentum der Familie zurückbekommen?

- Es ist sogar noch etwas verrückter: mein Urgroßvater Camillo Razumovsky ist kurz vor dem Ersten Weltkrieg in die Ukraine gefahren und hat die damalige Ruine gekauft und die ersten Rekonstruktionsarbeiten privat finanziert. Wenn er nicht die Wände gesichert hätte und auch kein neues Dach gemacht hätte, dann wäre es niemals möglich gewesen, 2007 das Haus überhaupt wieder zu öffnen.

Aber mein Urgroßvater wollte den Palast schon damals bereits dem Volk als Museum schenken. Jetzt ist es halt genau das geworden, was er wollte. Nur hundert Jahre später. Da wäre es nicht besonders loyal gegenüber Camillo, wenn ich jetzt sagen würde „Her damit!“. Aber auch generell bin ich der Meinung, dass die wenigen schönen historischen Bauten in der Ukraine nicht in private Hand gehören. Für die nächsten 100 Jahre sind jedenfalls Museen einfach wichtiger für die Erinnerungskultur des Landes.

- Möchten Sie die ukrainische Staatsbürgerschaft haben?

- Ja, das wünsche ich mir schon länger. Aber das wäre auch ganz schön problematisch, wegen der Behörden in Österreich. Ich kann mir aber auch sehr gut vorstellen, in der Ukraine zu leben. Entweder schon bald, oder erst als alter Mann.