Stefan Schocher ist einer der wenigen österreichischen Journalisten, die über die Ukraine berichten. Ukrainian Time hat ihn gefragt, wie die Ukraine in seinen Berichten entstanden ist und was sich daran in der letzten Zeit geändert hat.

UT: Wie und wann ist die Ukraine Ihr Objekt geworden? 

SSch: Mein erster großer Einsatz war die Orangefarbene Revolution - und das schlicht und einfach, weil ich knapp zuvor in der Ukraine war mit einer Delegationsreise und ein Paar Kontakte hatte. Also bin ich damals für den Kurier nach Kyjiw [gereist] und bin dort kleben geblieben, habe einen Freundes- und Bekanntenkreis aufgebaut. Als ich irgendwann einmal später einigermaßen Russisch lernen wollte - schlicht, weil das eine Sprache ist, mit der man bis nach Zentralasien und Afghanistan durchkommt - war klar, dass ich das in Kyjiw mache, weil ich da einfach schon ein Netzwerk hatte und ich das Land und die Stadt lieb gewonnen habe. Als ich dann dort war, hat sich dieses Netzwerk freilich verdichtet. Und so ging das weiter und weiter.

UT: Sie arbeiten jetzt als Freelancer. Für welche Massenmedien schreiben Sie? Gibt es viele Aufträge zu ukrainischen Themen? Wie ist die Stellung der Redaktionen gegenüber diesen Themen grundsätzlich? Spüren Sie "Ukraine-Müdigkeit" von Redaktionen und Lesern? Wenn ja, was ist nach Ihrer Meinung der Grund? 

SSch: Ich bin als freier Journalist tätig. In Österreich mache ich derzeit sehr viel für die Furche, ich schreibe aber auch für deutsche, luxemburger und schweizer Medien sowie für einige Branchenblätter. Was die Ukraine-Themen angeht: Es ist extrem kompliziert, einen so lange anhaltenden, sich in Nuancen verändernden, vor allem aber einen auf so vielen Ebenen stattfindenden Konflikt über einen langen Zeitraum zu covern. Und ich verstehe seitens der Redaktionen auch eine gewisse Müdigkeit. Die ist da. Denn schlicht und einfach, und es tut mir Leid, das zu sagen: Ein Angriff mit Toten in der Ostukraine ist keine Nachricht, die bei der westeuropäischen Leserschaft auf großes Interesse stößt - weil das eben alle Tage passiert. Zugleich muss ich aber auch sagen: Es macht wohl wenig Sinn, der militärischen Komponente dieses Krieges einen überproportionalen Raum zu geben. Weil das militärische dieses Krieges nicht das ist, was diesen Krieg zu dem macht, was er eigentlich ist: Ein hybrider Krieg. Und der spielt sich auf der Ebene der Information ab, auf der Ebene der Agitation, der Wortwahl, der Massenpsychologie, der Einordnung der Erinnerung und der Geschichte und eben auch in Form von Kampfhandlungen. Wobei ich letzteren sogar eher eine Nebenrolle zuschreibe. Ich denke, es geht darum, eben die eingangs erwähnten Nuancen herauszufinden und zu filtern - weil die die eigentliche Nachricht sind. Diese Nuancen zu finden, sie zu identifizieren und zu verifizieren inmitten eines Dauerfeuers an Nachrichten und Informationen und sie dann zu einer relevanten Geschichte zu machen, das ist die Herausforderung. Und ich bin überzeugt, dass es dafür eine Leserschaft gibt - und das wissen auch die allermeisten Redaktionen. Aber freilich nicht alle. 

UT: Welche sind Ihre Hauptbereiche? Welche Themen interessieren österreichisches (Schweizer?) Auditorium vor allem? 

SSch: Die Welt ist mit einem Schlag sehr klein geworden. Und derzeit ist alles von Corona überlagert, oder Geschichten, die mit Corona zu tun haben. Ich hätte mir nie gedacht, dass die Schilderung eines Supermarkteinkaufs in Wien einmal eine Geschichte sein könnte, die in der Schweiz auch nur ein Mensch freiwillig liest. War aber so. Und es waren vermutlich mehr als nur einer. Ich denke, was derzeit sehr wichtig ist, ist sich gegen eine Verengung des eigenen Horizonts zu stemmen. Und ich habe da meine Befürchtungen. Also wenn bei relevanten Medien in Österreich darüber nachgedacht wird, über den Sommer den Auslandsteil zu stanzen aus Kostengründen, dann ist das ein fatales Signal. Nicht nur für das jeweilige Medium, sondern vor allem für eine Gesellschaft - weil eine Gesellschaft, die nur in ihrem eigenen Saft brodelt, noch nie etwas gutes zustande gebracht hat. Und in diesem Sinne gilt es eine Lanze zu brechen für gute, vielschichtige, keinem Mainstream unterworfene Auslands-Berichterstattung. Das Problem ist: Gerade Auslands-Berichterstattung lässt sich entweder sehr teuer oder sehr billig betreiben. Und wenn Medienmanager nur Zahlen und nicht die Tragweite ihres Handelns im Auge haben, ist klar, wie das Rennen ausgeht.