Die Vorbereitung auf die Uraufführung von „Vyschyvvaniy. Der König der Ukraine“ geht weiter. Ukrainian Time erfreut ihre Leser weiterhin mit interessanten historischen Erkundungen vom Leben und Schaffen des Erzherzogs Wilhelm Franz von Habsburg-Lothringen und berichtet über die Gründer, Teilnehmer und Partner des Projekts. Heute erzählt der ukrainische Dichter, Schriftsteller, bürgerlicher Aktivist, Frontmann der Bands „Zhadan und Hunde“ und „Die Mannerheim-Linie“ Serhij Zhadan, der Autor des Libretto,  über die Oper. 


Wenn man sich für die Geschichte der Nationalen Befreiungsbewegungen in den Jahren 1917-1920 interessiert, ist es schwierig, die Figur von Vasil Vyschyvaniy unberücksichtigt zu lassen. Als ich an der Oper arbeitete, las ich außer dem Buch Timothy Snyders („The Red Prince“ - Anm. d. Red.) auch das biografische Material. Es gibt mehrere historische Bücher und einen Roman von Natalka Sniadanko - eine alternative Biographie von Vyschyvaniy: darüber, was passiert wäre, wenn er in der sowjetischen Ukraine geblieben wäre und bis zu seinem hohen Alter im postsowjetischen Lwiw, gelebt hätte. Eine interessante Version, eine Fantasie. 


Über den historischen Hintergrund und Nicht-Dokumentalität der Oper

Einerseits ist es eine historische Oper, es gibt hier historische Handlung, historischen Hintergrund. Unter den Charakteren sind Scheptyzkiy (Andrey Scheptyzkiy, Metropolit Halyzkyj und Erzbischof von Lwiw - Anm. d. Red.), Skoropadskiy (Pawlo Skoropadskiy, der letzte Hetman der Ukraine - Anm. d. Red.) und Bolbotschan (Petro Bolbotschan, Oberst der Armee der Ukrainischen Volksrepublik - Anm. d. Red.) Das heißt, wir möchten gerne, dass auf der Bühne des Opernhauses z.B. Skoropadskiy oder Scheptyzkiy oder Bolbotschan, der Offizier, der 1918 in Tschuhujiw studiert und die Krim von den Bolschewiki befreit hatte, singen. Daher haben wir einerseits einen sehr realistischen, wahren historischen Hintergrund. Andererseits hatten wir nicht vor, eine dokumentarische Aufführung zu schaffen. Wir haben versucht, daraus eine universelle Geschichte zu machen, die den derzeitigen europäischen Kontext wiedergibt. Für uns war es wichtig, die Ukraine als einen Teil der derzeitigen europäischen Karte zu schildern, die wohl in anderen Grenzen und in einer anderen Konfiguration hätte bleiben können, wenn die Ereignisse etwas anders gewesen wären, wie es in Finnland oder Polen war.

Daher haben wir neben den historischen Figuren viele allegorische Charaktere, es klingen Stimmen, und unser Hauptcharakter erinnert sich an sein Leben und versucht zu verstehen, was er erreicht hat, woran gescheitert ist und warum er keinen Erfolg hatte.

Die Figur von Vyschyvaniy ist auch deshalb interessant, weil sie zeigt, wie zyklisch die Geschichte ist und wie die Ereignisse von 1918 bis 1920 in gewisser Weise mit den Ereignissen in der heutigen Ukraine übereinstimmen. Erstens, das Gleichgewicht zwischen Staatlichkeit und Staatenlosigkeit, ein Versuch, sich selbst zu schützen, ein Versuch, sich selbst zu verwirklichen. Und zweitens, etwas sehr Wichtiges, was heute für viele zeitbetont ist - die Aneignung der ukrainischen Identität. Die Erinnerung an diese Identität oder die Aufweisung, oder die Suche danach, oder deren Erreichen. Dies ist ein äußerst interessantes Thema, zu dem sicher viele wissenschaftliche Werke noch geschrieben werden.  

Über das Kennenlernen von Erzherzog Wilhelm

Über die Figur von Vyschyvaniy und das „Minenfeld“ der ukrainischen Geschichte

Vasil Vyschyvaniy kann ein interessantes Beispiel dafür sein, wie sich die Position eines Politikers innerhalb eines Reiches ändern kann. Da Vyschyvaniy ein Vertreter einer monarchischen Dynastie ist, die tatsächlich als Kolonialist der Westukraine auftrat, und zu irgendeinem Zeitpunkt die Seite der Kolonisierten, der Ukrainer, übernahm und zu ihrer, unserer Seite, überwechselte und für unsere Unabhängigkeit und unsere Freiheit kämpfte. Ich finde es ein Beispiel dafür, wie man von dem Chauvinismus, der imperialen Sichtweise zum Schutz der Menschen, die ihre Subjektivität verteidigen, kommen kann.

Die ukrainische Geschichte ist ein solches „Minenfeld“, auf dem alle von Zeit zu Zeit auf eine Mine treten, und es ist klar, dass es viele Fragen gibt, über die man sich nur sehr schwer einigen kann. Und Vyschyvaniy kommt mir als Bespiel einer solchen Figur vor, die sich nicht trennen, sondern vereinigen sollte: ein Mensch, der von außen kam und sich den Ukrainern anschloss.  

Über Vyschyvaniy, wie ihn der Autor vom Libretto sah

Für mich war es interessant, aus Vasil Vyschyvaniy keinen formelhaften Helden, Papphelden oder hurra-patriotischen Helden zu bilden. Denn er ist vor allem widersprüchlich, strahlend, interessant, in gewisser Weise ein paradoxer historischer Charakter, über den man Romane schreiben, Dokumentarfilme drehen und wissenschaftliche Forschungen durchführen kann. Und auch eine Oper, wie es sich herausstellte, kann komponiert werden. Und ich habe versucht, ihn so lebendig zu schildern: vielgestaltig, vielseitig, als jemanden, wer in gewisser Weise vielleicht nicht ganz folgerichtig, in gewisser Hinsicht zweiflerisch, gewissermaßen im Gegenteil äußerst idealistisch war und eine sehr markante Spur hinterlassen hatte.

Im Großen und Ganzen ist es eine Figur, die Vergangenheit und Gegenwart verbindet, d.h. eine solche Metapher der ukrainischen Geschichte - wie sie hätte sein können und nicht geworden ist. Aber diese Möglichkeit des Unmöglichen bestimmte weitgehend die ukrainische Realität und bestimmt sie heutzutage.

Ich meine, dass dies nicht bloß eine historische Oper, nicht nur ein historisches Kunstwerk ist - es ist weitgehend sowohl in die Vergangenheit als auch in die Zukunft gerichtet. Da sich bei uns einige Dinge wiederholen, wir einige davon zyklisch erleben, lernen wir doch etwas. Wie die Erfahrung der letzten fünf Jahre zeugt, haben wir doch etwas gelernt.  

Über die Bedeutung der Oper „Vyschyvaniy. Der König der Ukraine“ für Charkiw

Wenn dieses Projekt zu dem wird, wie wir es sehen, wird es von dem Potenzial von Charkiw zeugen. Viele Charkiwer sind es gewohnt, kulturelle und soziale Möglichkeiten der Stadt eher skeptisch einzuschätzen. Man sagt, wir sind eine Provinz, wir befinden uns zwischen Kyjiw und Moskau und sind für jemanden nicht gerade interessant, wir haben nicht zu viele Möglichkeiten. Tatsächlich gibt es viele Möglichkeiten: In Charkiw gibt es viele interessante, talentierte Leute, die bereit sind, etwas zu tun, und die Tatsache, dass unsere Oper für solche Experimente bereit ist, dass sie sehr offen in letzter Zeit sind und entgegengehen, und versuchen, etwas zu tun, mit der Zeit Schritt zu halten, Trends zu folgen – dies ist sehr attraktiv. Dies deutet darauf hin, dass Charkiw mit dem richtigen, kompetenten Ansatz der Einbeziehung von Business-Leuten, die sich für Kultur interessieren viele überraschen könnte.

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Das Libretto der Oper „Vyschyvaniy. Der König der Ukraine" von Serhij Zhadan wird als eine vom kreativen Tandem von Olha Zhuk und Nadiia Kelm gestaltetes Art-Book verlegt, das es den Opernkennern ermöglicht, das neue Werk des Lieblingsschriftstellers nicht nur auf der Opernbühne zu sehen, sondern auch zu lesen.

Und über die Voraussetzungen für die Errichtung der ukrainischen Monarchie sowie darüber, wie Vasil Vyschyvaniy der König der Ukraine werden konnte und warum er es niche wurde, lesen Sie im nächsten Artikel in unserer Sonderrubrik 

Erstellt aufgrund der Materialien des Programms „Widdserkalennia“ (Widerspieglung), ATN Charkiw (TV-Agentur „Nachrichten“).