Wolf Dietrich Heim, österreichischer Diplomat, Außerordentlicher und Bevollmächtigter Botschafter der Republik Österreich in der Ukraine (2010-2015) hat Ukrainian Time über seine Beziehung zu der Ukraine sowie heutige Arbeit im Bundesministerium für Europa, Integration und Äußeres erzählt und von seinen Gedanken über unsere gemeinsame Vergangenheit und Zukunft berichtet.

- Womit sind Sie jetzt befasst? Ist Ihre Arbeit mit der Ukraine verbunden?

- Ich bin im Außenministerium mit dem Management der gesamten Infrastruktur befasst. Während des Österreichischen OSZE Vorsitzes 2017 war ich weiters Sonderbeauftragter des Vorsitzenden für die Beilegung des Transnistrienkonfliktes. Immer wieder bin ich mit Fragen befasst, die die Ukraine in der einen oder anderen Weise betreffen. 

- Sie waren Botschafter während der Revolution der Würde in der Ukraine. Wie beurteilen Sie diese Ereignisse, Ergebnisse und Auswirkungen für die Ukraine jetzt?

- Für mich persönlich waren das menschlich wie dienstlich prägende Jahre, wobei ich mit Dienstantritt 2010 auch die Zeit vor der Revolution der Würde als beinahe unwirklich in Erinnerung behalte, so tiefgreifend hat sich die Ukraine in diesen 10 Jahren verändert.

- Welche Fehler könnten damals und in den kommenden Jahren vermieden werden?

- Abgesehen von manchen Fehlern ist auch sehr viel gelungen und richtig gemacht worden. 

- Die Ukraine hat 2017 eine Visumfreiheit mit Europa erhalten. Wie viele Ihrer Kollegen und Bekannten sind Skeptiker, die dies als Unannehmlichkeit oder Problem für die EU und Österreich angesehen haben/ansehen (Migration, illegale Arbeitsbeschaffung)?

- Die Visaliberalisierung hat auf beiden Seiten echte Reformanstrengungen notwendig gemacht, in den Jahren bis 2015 haben die ukrainischen Regierungen unnötig Zeit verplempert und die Notwendigkeit von manchen Reformen angezweifelt. Letztlich wurden die Reformen eingeleitet und die EU hat ihr Wort gehalten.

- Was hat nach Ihrer Meinung diese Visumfreiheit der EU selbst gebracht?

- Man darf die Dynamik nicht unterschätzen, in Verbindung mit besseren und günstigeren Reisemöglichkeiten vertieft dies den Austausch in allen Sphären des Lebens – Bildung, Wissenschaft, Wirtschaft, Kultur. Es kommt zu einer zunehmend stärkeren Verflechtung und begünstigt die soziale und wirtschaftliche Entwicklung der Ukraine.

- Der Nachkomme von einem Hetman der Ukraine, der in Österreich lebt, Gregor Razumovsky hat uns kürzlich erzählt, dass der Einfluss der russischen Propaganda in Österreich sehr stark zu spüren ist. Fühlen Sie das? Müssen Sie den Österreichern oft bestimmte Nuancen in Bezug auf die Situation mit dem Donbass und der Krim erklären?

- Ich würde es so formulieren: die Ukraine ist sehr gefordert, ihre Geschichte und ihren Blick auf die Welt aktiv zu kommunizieren. Es gibt zweifellos viele Sprachrohre, die eher russischzentrierte oder vergangene Epochen wie die Sowjetzeit, die Zarenzeit usw. überstrapazieren und gewisse Eroberungen (Krim) außerhalb des historischen Kontextes als Legitimierung eines fragwürdigen politischen Handelns sehen.

- Wie beurteilen Sie die letzten Änderungen in der russischen Verfassung, nach denen Putin Russland bis 2036 regieren kann? Welche Konsequenzen können die Ukraine und Europa davon erwarten?

- Niemand lebt ewig. Wir sehen in Zeiten wie diesen, mit der Coronavirus-Pandemie und der unerwarteten Entwicklung der Erdöl- und Erdgaspreise, dass sich manche Dinge sehr schnell und radikal verändern können. Für die Ukraine ist es wichtig, funktionierende staatlichen Institutionen, eine stabile Verwaltung und Regierung zu haben, die mit bestehenden Herausforderungen wie neuen Entwicklungen zurecht kommt.

- 2020 feiert Österreich seine 25-jährige EU-Mitgliedschaft. Wie beurteilen Sie die Aussichten der Ukraine, Mitglied der Europäischen Union zu werden? Wie sind die Einstellungen in der EU und insbesondere in Österreich in Bezug auf die Erweiterung?

- Wenn ich meinen Blick auf die unmittelbare Zukunft richte, dann könnte ich diese Frage nahezu gleichartig wie vor zehn Jahren beantworten. Dazu ist es wohl noch zu früh. In 5 oder 10 Jahren wird das hoffentlich anders sein. Ohne eine funktionierende, unabhängige Justiz wird man in dieser Frage aber nicht vorankommen.

- Ukraine und Österreich haben eine reiche gemeinsame Geschichte - in welchem Entwicklungsstadium ist sie jetzt? In welchen Bereichen haben Sie in den letzten Jahren einen Durchbruch beobachtet und in welchen muss man noch Potenzial realisieren?

- Mit der Visaliberalisierung und den günstigen Flug- und Zugverbindungen sind Interaktionen möglich geworden, die vor fünf Jahren noch überaus kompliziert waren. Die Beziehungen zwischen unseren Ländern haben sich – trotz eines durchwegs schwierigen Umfeldes – in bester Weise „normalisiert“.

- 2019 war das bilaterale Kulturjahr Österreich-Ukraine. Wie bewerten Sie es? Welche Projekte können Sie besonders loben? Was sind die besten Kriterien für die Bewertung - Beziehungsaufbau, Anzahl der beteiligten Personen, Investitionsumfang?

- Das bilaterale Kulturjahr war ein großer Erfolg, insbesondere ist es in vielen Disziplinen gelungen, eine moderne und kreative, junge Ukraine zu vermitteln, die einen Geist ausstrahlt, der im besten Sinne europäisch, weltoffen, selbstbewusst und liberal ist.

- Das Opernprojekt „Vyshyvaniy. Der König der Ukraine“: Wie wichtig ist es für die Beziehungen zwischen den beiden Ländern? Haben Sie vor, die Uraufführung in Charkiw zu besuchen? Können Sie sich überhaupt als großen Opernfan bezeichnen? Was haben Sie zum letzten Mal gehört?

- Ich hätte fest geplant Ende Mai nach Charkiw zu reisen. Wann auch immer diese neue Oper zur Aufführung gelangt, werde ich versuchen, dabei sein zu können. Zuletzt habe ich die Wiener Neuinszenierung des Fidelio von Christoph Waltz gesehen, leider auch nur im Fernsehen, weil die im Theater an der Wien einstudierte Aufführung wegen Covid-19 nicht mehr öffentlich gezeigt werden konnte.

- Wie hat Ihr Beherrschen der ukrainischen Sprache begonnen? Erinnern Sie sich an den ersten Lehrer? Wie und ob bewahren Sie Ihre Sprachkenntnisse, um über die Ereignisse in der Ukraine Bescheid zu wissen?

- Ich habe vor 10 Jahren an der Universität Wien mit den ersten Kursen begonnen, erinnere mich gerne an meine sehr kompetente Lehrerin und die kleine Gruppe von Studenten und Kursbesucherinnen. Ich lese gerne ukrainischsprachige Medien, höre Musik, bin gelegentlich in Lwiw, Czernowitz und Kyiv.

- Welche Auswirkungen der Coronavirus-Pandemie auf die Diplomatie weltweit sehen Sie? Werden die „transparenten“ Grenzen verschwinden? Wird die Migrationskontrolle verschärft? 

Die Auswirkungen der Coronavirus-Pandemie lassen sich wohl länger nicht in ihrer ganzen Tragweite abschätzen. Die erste Infektinoswelle scheinen die deutschsprachigen Länder vergleichsweise gut zu überstehen, aber wir sind in einer völlig neuen Situation, die sich rasend schnell verändern kann.