Die meisten Österreicher haben nur ein beschränktes Bild von der Ukraine, das sich mit den Schlagzeilen erschöpft, die wir in unregelmäßigen Abständen über das große Land im Osten hören. Auch für mich war die Ukraine noch vor einem Jahr „terra incognita“. Das änderte sich, als ich im Jänner 2019 die Leitung des Österreichischen Kulturforums in Kiew übernahm.

Der tiefe Winter ist wohl nirgends der beste Moment, um die Schönheit eines Landes zu entdecken. Trotzdem ging es mir so, wie vielen anderen Menschen zuvor, die bei ihrer ersten Begegnung mit der Ukraine einen Wow-Effekt erleben. So hatte ich mir Kiew nicht vorgestellt: großzügig, europäisch, kultiviert.

Wichtiger noch waren aber meine ersten Begegnungen mit den Menschen, die ich als zukünftige Projektpartner, als Initiatoren, Hochschullehrer und Kulturschaffende traf. Bei all diesen Begegnungen spürte ich einen tiefen Wunsch, ja eine Entschlossenheit, allen schwierigen politischen und wirtschaftlichen Umständen zum Trotz Projekte umzusetzen, Dinge zu bewegen und eine aktive Kulturszene am Leben zu erhalten. Dieser Drive, diese positive Energie bleibt auch nach neun Monaten einer meiner wesentlichsten Eindrücke.

Natürlich ist die Ukraine ein Land der Gegensätze, mitunter auch der Widersprüche: Stadt/Land, West/Ost, arm/reich, alt/neu, progressiv/konservativ - die Aufzählung ließe sich fortsetzen. Doch wichtiger als diese Gegensätze ist die Dynamik, die daraus resultiert. Ja, ich treffe manchmal Menschen, die gerne am System von anno dazumal festhalten würden. Doch die große Mehrheit scheint entschlossen, die Chance zu nützen, die sich aus den Krisen der vergangenen Jahre ergeben hat. Die Chance, Dinge anders und oft auch besser zu machen und Rahmenbedingungen zu schaffen, unter denen die Ukraine ihr volles Potenzial entfalten kann.

Apropos Potenzial: wenn man in der Ukraine lebt, entdeckt man bald, wie viel kreatives Talent in den Menschen hier steckt. Sei es in der kulturellen Avantgarde, in den von jungen Designern geschmackvoll gestalteten Cafés und Restaurants oder den zahlreichen IT Startups, die Weltklasse-Apps für internationale Auftraggeber entwickeln – das große kreative Potenzial ist allgegenwärtig. Es wird, wie ich meine, der Ukraine in den kommenden Jahren ganz wesentlich dabei helfen, den wirtschaftlichen Sprung nach vorne zu schaffen.

Alles ist in Bewegung, alles ist im Fluss. Es macht Freude, dass wir mit unserer Arbeit am Österreichischen Kulturforum Teil dieser Dynamik sein können und damit den Kulturaustausch zwischen unseren Ländern auf ein neues Niveau heben.

In der Ukraine zu leben bedeutet, sich auf eine Entdeckungsreise zu begeben. Ganz nach dem Motto „expect the unexpected“ freue ich mich auf die zahlreichen Begegnungen und Überraschungen, die auf mich in den kommenden Jahren noch warten. Obwohl ich erst am Anfang dieser Reise stehe, ist für mich schon jetzt klar, dass ich dieses Land unterschätzt habe. Wenn die Wirklichkeit so viel positiver ist, als das vage Bild von einst, lässt man sich gerne eines Besseren belehren!